Wenn die Pferde nicht mehr durch das Reiten, Springen oder Ziehen in Anspruch genommen werden, widmen sie sich gerne und ausschliesslich der Freundschaft. Sie sind dann nicht mehr so windig wie die jungen Pferde mit ihren gespreizten Beinen. Dass es ihnen nun mehr um die Freundschaft geht, zeigt sich darin, dass die vorderen Beine jetzt oft eng zusammen stehen, was einen eher schüchternen Eindruck vermittelt. Diese Haltung vermindert die mechanische Verankerung des Gleichgewichts, und es lässt sich manchmal ein kaum feststellbares Schwanken beobachten: etwas Leichtes – um nicht zu sagen Leichtfertiges
– kehrt so unverhofft zurück. So signalisiert das Pferd, dass es Freundschaft nicht nur braucht, sondern sich auch danach sehnt.

 

Die Ängstlichkeit und das Verlangen nach Freundschaft zeigen sich im Wunsch, den ich aus dem Wesen der Pferde der Fläche,

welche das Pferd der Aussen- Quellen welt, der Luft, abwechslungsweise auch Licht und Schatten darbietet. Während der Mensch sich mit selten mehr als 2m2 von seiner Umgebung abgrenzt, schätze ich, dass ein Pferd mit gegen 5m2 Kontaktfläche zurecht kommen muss, und das ist – wie schon gesagt – auch eine weite Angstfläche.

Was die Darstellung von Pferden betrifft, ist Respekt und Diskretion angebracht. Pferde sollten – wenn möglich – mit dem, was sie uns als Linien zeigen, nicht mit ihren sensiblen Flächen ins Bild gesetzt werden. Die Linie ist auch dem Zeichen und dem Wort nahe, denn Worte reihen sich aneinander und ihre Flächen (das ist ihr Tönen in der Sprache) werden zur Linie, wenn sie sich in Schrift verwandeln. Was wir reden und aufschreiben, schwankt und sucht Freundschaft genau wie ein Pferd, das allein auf einer Weide steht.

aus Von Tieren, Franz Dodel, Das Pferd.
 

„Keine Frage: Von Tieren, von Franz Dodel, ist ein kluges, ein belesenes Buch. Es ist ein in seiner Leichtigkeit tiefsinniges Buch, das wirkt, als sei es im Nebenher entstanden, und vielleicht gerade deshalb berührt. Aber es ist ein kurzes Buch. Siebzehn Tierporträts sind in dieser Kürze enthalten, siebzehn Reflexionen und Meditationen über siebzehn Tiere, anhand derer der Autor dem Leser vor Augen führt, was diesen Tieren durch die Weltliteratur im Laufe der Jahrtausende zugemutet worden ist. Aber dadurch, dass Franz Dodel diesen Gang durch die tierische Literatur in persönliche Erinnerungen und Gedanken verzweigt, entsteht paradoxerweise ein delikates Labyrinth, aus dem der Leser nur herausfindet, wenn er seinen Blick vom Tier abwendet und auf sich selber richtet. Oder anders ausgedrückt: wenn er versucht, das Tier nicht mit seinen eigenen Augen, sondern sich selbst mit den Augen des Tieres zu sehen.
Es ist, wie gesagt, ein kurzes Buch, und daraus ergibt sich zwangsläufig, dass die darin enthaltenen siebzehn Kapitel viel zu kurz sind. Erreicht man als Leser das Ende eines Kapitels, will man das Ende nicht wahrhaben, man will weiterlesen, springt also zum nächsten Tier, das sich mit noch weniger Zeilen zufriedengibt, und so weiter, bis es schliesslich kein nächstes Tier mehr gibt, und man, noch ehe man ausser Puste ist, das Ende erreicht hat.
Der Mensch hat es sich im Laufe der Jahrtausende zur Gewohnheit gemacht, dem Tier seine eigene, die menschliche Moral aufzudrücken. Franz Dodel versucht mit grosser Sorgfalt und ebenso grossem Einfühlungsvermögen, den Tieren das Recht auf ihre eigene Moral zurückzugeben. Und der Leser bleibt nach der Lektüre dieser siebzehn kurzen Tierporträts mit der Frage zurück, ob es nicht vielleicht an der Zeit wäre, sich darauf zu besinnen, dass auch er ein Tier ist. Um auf diese Frage eine angemessene Antwort zu geben, braucht es den langen Atem, den das Buch dem Leser erspart."

Markus A. Hediger
Website Franz Dodel
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