«Die Schweiz, der man Pragmatismus und Nüchternheit nicht nur attestiert, sondern auch vorwirft, hat immer wieder visionäre, dem Phantastischen zugeneigte Künstler hervorgebracht – von Johann Heinrich Füssli über Ferdinand Hodler und Arnold Boecklin bis in die heutige Zeit. Mit dem Zyklus "Tageslicht" stellt sich Matthias Wyss in eine Tradition wie diese, die immer auch Protest bedeutet gegen vordergründig Anerkanntes. Seine bedrängenden "Phantasiestücke", um ein Wort E.T.A. Hoffmanns zu verwenden, greifen die fable convenue unserer durchrationalisierten, ökonomisch geprägten Lebensweise an. Indem sie die Norm in Frage stellen, befreien sie uns ein Stück weit davon. In den ungefügen, "verkehrten" Welten des Traums, die ja stets auch Bruchstücke vertrauter Realitäten mitführen, werden Erfahrungen relativiert, die uns ein überbewusster Alltag, ein ständiges Quivive aufnötigen.
Der "versteckte Poet in unserem Inneren", von dem der Mediziner Gotthilf Heinrich Schubert in seiner epochemachenden "Symbolik des Traums" (1813) redete, arbeitet mit, wenn man Zeichnungen wie diese sieht. Das Spiel scheinbar widersinniger Kombinationen und Abbreviaturen, das Hieroglyphische der Traumbildersprache, ist uns allen bekannt. Darum faszinieren – und erschrecken – uns Kunstwerke, wie sie "Tageslicht" versammelt. Sie setzen meisterhaft um, was uns umtreibt, und sie tun es so vielfältig, dass wir bei jedem Blättern wieder Neues entdecken. »

aus TAGESLICHT, Nachwort, Beatrice von Matt

Website Matthias Wyss
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